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Leseprobe Haut


Über den Autor:

 

Er selbst: Der Autor hat nicht interessant und wichtig zu sein, die Geschichte, die er erzählt, ist es hoffentlich schon...

 

 

 

 

John

Phillip

Starck

 

Haut

 

Thriller

 

 

 

 

 

 

Copyright © Pomorsky Roman, Gelsenkirchen

Lektorat: Ilse Hendricks



Prolog

 

Mittwoch, Donnerstag,

23./24. Mai

 

Forrest saß allein in der Küche am Esstisch vor einer Tasse Kaffee. Er hatte länger als in den vergangenen Tagen geschlafen und sich auf ein gemeinsames Frühstück gefreut, aber seine Frau Betty hatte ihm einen Zettel auf dem Kaffeeautomat hinterlassen und war bereits in den naheliegenden Supermarkt zum Einkaufen gefahren. Traurig war er darüber nicht, denn er hasste das Gedränge in den Discountern und erst recht die ständigen Fragen von Betty, was er denn haben und essen wolle. Zumindest aus dieser Sicht, freute er sich auf seinen Dienst den er am kommenden Tag wieder im alten Rang als Detektiv antreten sollte. Er nippte an seinem Kaffee, zündete sich eine seiner geliebten Zigarren an und sah sich nachdenklich um.

Es war still geworden im Haus Waterspoon. Die Töchter von Betty und Forrest lebten schon länger nicht mehr im Haus. Peggy war wie Diana wegen dem Studium ausgezogen, beide hatten neue Freunde kennengelernt, sich verliebt, geheiratet und inzwischen lebten sie mit ihren Familien in anderen Städten weit weg von Boston. Diana zog es mit ihrem Mann nach Houston Texas, Peggy lebte am anderen Ende der Vereinigten Staaten, in Los Angelas, an der Westküste. Wie Betty vermisste er seine zwei Mädchen, aber Forrest war zufrieden das sie anständige Männer hatten und ein zufriedenes Leben führen konnten.

Er selbst hatte es nie in Betracht gezogen Boston zu verlassen. Die Stadt war sein Zuhause, war sein Leben, hier wurde er geboren und hier würde er sterben. Als Detektiv, der er nun wieder war und der in wenigen Stunden wieder seinen Dienst versehen sollte, war nur die Frage, wie er sterben würde? Die Chance auf einen gewaltsamen Tod war nicht gering, das obwohl Boston, in der Verbrechensstatistik eine der sichersten Städte des Landes war. Die an der Ostküste von Amerika gelegene Hauptstadt des Bundesstaates Massachusetts, war zudem eine der schönsten Städte des Landes und neben den vielen Museen sowie historischen Schauplätzen, verfügte Boston über eine eindrucksvolle Geschichte.

Genau so schön wie die Stadt zeigte sich der Monat Mai. Die Tage waren sonnig, warm und trocken, wurden von einem blauen Himmel mit weißen Wolken übermalt, die Nächte wurden angenehm kühl, richtig erfrischend und der klare Sternenhimmel lud zum Träumen ein. Forrest hielt sein Versprechen und unternahm mit Betty Dinge, die sie schon lange nicht mehr gemeinsam gemacht hatten. Er lud sie nach Monaten wieder einmal zum Essen ein, sie gingen zum ersten Mal seit Jahren wieder ins Kino, unternahmen Tagesausflüge und fuhren ohne ein bestimmtes Ziel, wie ein frisch verliebtes Paar kreuz und quer durch das Land. Der Urlaubshöhepunkt bildeten vier Tage in Las Vegas. Am vergangenen Sonntag waren sie nach Boston zurückgekehrt und genossen die letzten Urlaubstage von Forrest zu Hause.

Es gab Dinge die Forrest hasste, aber in einigen Bereichen war das Wort Hass übertrieben. Er konnte es nicht leiden mit Betty oder wie früher mit der ganzen Familie einkaufen zu gehen und war seiner Frau dankbar das sie ihn an seinem letzten Urlaubstag länger schlafen hat lassen. Ebenso trug er ungern den getätigten Einkauf vom Auto in das Haus, nicht wegen dem Umstand das er dies für eine Frauenarbeit hielt, sondern, da ihn die beobachtenden Blicke, sowohl die offenen, spöttischen auf der Straße und in den Vorgärten der Nachbarhäuser als auch die versteckten, neidischen, hinter den Fenstergardinen, furchtbar nervten. Die Welt war in seinen Augen aus den Fugen geraten, das was unwichtig war, wurde mit fragenden und argwöhnischen Blicken beobachtet, dahin wohin man jedoch sehen sollte, sah man verlegen weg. Die Gaffer, Selbstdarsteller, die Neider, Schaulustigen, Neugierigen, die Spötter und die Angeber, für ihn war das eine Sorte von Mensch, die trotz Studium, Diplom und anderen Nachweisen über ihr Können und Wissen eines nicht besaß, nämlich den erforderlichen Anstand und die Nächstenliebe. Er gab dieser Art von Mitmensch die Hauptschuld daran das die Moral vor die Hunde ging, das sich kaum jemand um den anderen, schon gar nicht um einen Fremden etwas scherte und das die Hilfe, egal in welcher Form, sowie die Fürsorge, das Miteinander auch ohne eine Notsituation gnadenlos nachließen. Betty war da völlig anders, doch trotzdem konnte er sich nicht völlig sicher sein, dass sie nicht jeden Moment nach ihm rufen würde, um ihr beim Tragen des Einkaufs vom Auto in das Haus zu helfen.

Tatsächlich hörte er bei diesem Gedankengang einen Wagen in der Auffahrt zu seinem Einfamilienhaus zum Stehen kommen. Das Leben erwies sich wieder einmal als trügerisch, doch vor allem als böse. Er nippte an seinem Kaffee und wartete, doch niemand rief nach ihm, stattdessen läutete es an der Tür. Wollte ihm Betty ihren Hilferuf im Befehlston ersparen? Nein, es war nicht seine Frau, das hatte Forrest bereits am Motorgeräusch des Autos erkannt.

Er begab sich zu der Haustür und öffnete sie, dabei war es ihm egal, dass er nach wie vor in seinem kariertem Schlafanzug steckte. Es gibt Menschen, vor denen man unwillkürlich und ungewollt, wenn auch ohne einen bestimmten Grund, zurückweicht, wenn sie plötzlich vor einem stehen. Der Mann, den Forrest vor sich stehen hatte und der gute zwei Köpfe kleiner war als er, trat einen Schritt zurück als er den dunkelhäutigen Hausbesitzer erblickte. Der am nächsten Tag wieder im Rang eines Detektivs praktizierende Forrest Waterspoon sah von der jungenhaften Gestalt zu dem Kastenwagen in seiner Auffahrt. Es war ein deutsches Fabrikat und bereits die ekelhafte braune Farbe des Fahrzeugs ließ ihn erkennen das es sich um einen Paketdienst handelte. Seine Augen wanderten zurück zu dem Störenfried und nach der Begrüßung und seiner Unterschrift nahm er die sonderbare Zustellung an. Während der Bote in sein Auto stieg und die Auffahrt verließ, musterte Forrest skeptisch den angenommenen Gegenstand. Es war ein Rohr aus Karton, faustdick und über einen Meter lang und etwas das er nicht bestellt hatte, aber Betty vielleicht, womöglich nicht für sich, sondern für eines der Kinder, die keine Kinder mehr waren, es aber für ihn und Betty immer bleiben würden.

Ohne es bemerkt zu haben, war seine Frau Betty in die Auffahrt gefahren und stand hinter ihrem Fahrzeug vor dem geöffneten Kofferraum. Betty rief nach Forrest, doch er reagierte überhaupt nicht, sie wiederholte den Namen ihres Mannes deutlich lauter und als er sie ansah, bat sie ihn provozierend lächelnd ihr zu helfen.

 

***

 

Der letzte Urlaubstag war trotzdem harmonisch geworden.

Betty bestand zum Abschluss und als Krönung der vergangenen drei Wochen auf ein Abendessen in einem Lokal und zu der großen Überraschung und ehrlichen Freude von Forrest, sah er nach beinahe zwei Monaten seine Adoptivtochter Molly und ihren Freund Adam wieder. Der Abend wurde feuchtfröhlich und aus ihm wurde eine zu lange Nacht. Für schlechte Gedanken und Erinnerungen gab es in diesen Stunden keine Zeit und keinen Platz, denn Molly und Adam feierten ihre Verlobung.

Mit keinem Kater, aber mit einem leicht schwerfälligen Kopf stand Forrest am nächsten Morgen auf. Betty ließ es sich nicht nehmen, ihm den Kaffee zuzubereiten, setzte sich zu ihm in der Küche an den Tisch und sah ihrem Mann verwundert nach, als dieser plötzlich aus dem Raum eilte und mit dem Rohr aus Karton in seiner Hand aus dem Flur zurückkam. Forrest hatte es am Vortag völlig vergessen. Er hatte das merkwürdige Paket in den Regenschirmständer gestellt, als ihn Betty fordernd um seine Hilfe beim Entladen des Fahrzeugs gebeten hatte und irgendwie war es aus seinem Kopf gewichen. Er legte es auf den Tisch, setzte sich wieder und trank von seinem Kaffee. Betty beteuerte nichts bestellt zu haben, Forrest tat es ihr gleich, aber das Kartonrohr war an ihren Familiennamen adressiert. Forrest erhob sich erneut, holte aus einer Schublade ein Messer und schnitt das mit einem Klebeband einbandagierte Rohr, mit Mühe und vorsichtig längsseits auf. Der Inhalt befand sich in einem Müllsack, zumindest schien es einer zu sein und er war an seinem Kopfende ebenfalls mit Klebeband zugemacht worden. Der Detektiv, das war Forrest ab diesem Tag wieder, beließ den verpackten, unbekannten Gegenstand in dem Karton und schnitt das zugeklebte Kopfende ab.

Augenblicklich rochen Betty und er einen äußerst unangenehmen üblen Geruch. Während sich seine Frau die Nase zuhielt, schnitt er den Plastiksack gänzlich auf und starrte auf eine etwa einen halben Meter lange und im Durchmesser fünf Zentimeter dicke Rolle hinab.

Betty schrie auf, würgte und eilte aus der Küche hinaus.

Forrest sah ihr nach und dann wieder zu dem Paket. Um die Rolle und auf ihr waren Blutflecken zu sehen, vereinzelt befanden sich auf ihrer Oberfläche Haare und dennoch wusste er nicht, was diese Post für einen Sinn ergeben sollte. Er hielt das Paket für einen schlechten, sowie makabren Scherz, für den er nicht einen Funken Verständnis aufbringen konnte und noch immer konnte er den Inhalt nicht genau definieren. Zunächst hielt er die Rolle für Schweinehaut, doch sicher war er sich dessen nicht.

Er drehte das Messer um und begann den Inhalt mit dem Griff auseinander zu rollen, als es die Tischbreite nicht mehr zuließ stellte er sein Tun ein. Er hatte das hautfarbene Bündel ungefähr zu einem Drittel ausgebreitet vor sich liegen und erkannte mit Ekel, um was es sich handelte. Vor ihm lag vom Halsansatz bis zum Bauchnabel Haut, zweifelsohne war es keine Fälschung, es handelte sich eindeutig um echte, menschliche Haut, es war die eines Mannes und auf seinem Bauch war die Zahl Eins eingraviert.

 

Oberhaut

Epidermis

 

Die Epidermis ist die Oberhaut und kann in der Regel bis zu 0,05 mm dick werden. An den Fußsohlen und Handinnenflächen ist sie mehrere Millimeter dick und wird umgangssprachlich als Hornhaut betitelt. Je nach Größe und Gewicht schwankt die Dicke der Haut von etwas mehr als einem bis zu vier Millimeter. Die Hautfläche von einem Mensch ist durchschnittlich größer als 1,5 qm und ihr Gewicht liegt zwischen zehn bis zu vierzehn Kilogramm.

Die Oberhaut beziehungsweise die Epidermis wird von außen nach innen in fünf Schichte unterteilt., die Hornschicht, Glanzschicht, die Körnerzellenschicht, Stachelzellschicht und in die Basalschicht. Die Oberhaut ist eine der drei bedeutenden Bestandteile der Haut.


Episode 1


Donnerstag, 24. Mai

 

William, Matt

und

Ruby

Seinen ersten Arbeitstag nach dem Urlaub und wieder als Detektiv, hatte sich Forrest wirklich ganz anders vorgestellt. Mit der Rohrpost aus Karton, begab er sich zum Präsidium, dort angekommen, zunächst zum neuen Leiter des Morddezernates und legte die Schachtel vor diesen auf den Schreibtisch. Als erstes erntete er dafür statt einer Begrüßung fragende Blicke, dann, als der Abteilungsleiter neugierig geworden den Karton geöffnet hatte, entsetzte, weit aufgerissene Augen und zum Abschluss eine Miene, die ihn zum Teufel wünschte. Forrest erklärte dem Morddezernatsleiter, der Jason Joshua Calbott hieß und von allen die ihm näher standen nur JJ gerufen wurde, wie er an das Paket geraten war und begab sich mit seinem neuen Boss, der wie der Detektiv, seine besten Jahre Fitnessmäßig lange hinter sich hatte, in die Pathologie.

Es war zum ersten Mal, seit dem Oktober des vergangenen Jahres, das Forrest Waterspoon die Pathologie betrat. Es war einige Stunden vor dem Einsatz in der Nervenheilanstalt Forrest Hill und zu seinem Bedauern, hatte er den damaligen Pathologen nicht angetroffen. Ihn beschlich ein Gefühl, das er nicht genau definieren konnte, denn er erinnerte sich an diesen Tag gut, der Pathologe Neil Sesse war nicht da und somit gab es nichts woran er sich erinnern musste. Vielleicht war das der Grund das er dafür viel zu oft an den zweiten Tag im Oktober und an Anna denken musste. Sie war nicht das erste Opfer, aber sie war in der Akte von Forrest Hill die erste Tote, die durch einen anonymen Anruf gefunden wurde. Dem Detektiv wurde klar das ihn Schuldgefühle plagten, nicht gegenüber Anna, ihren Tod zu verhindern war ihm unmöglich gewesen, doch wenn er damals keine Scheuklappen vor den Augen gehabt hätte, könnten einige Personen noch leben. Es war paradox und obskur, eine gemeine Heuchelei des Lebens, denn wie konnte es ihm entgehen das der Mörder von Anna, die Autopsie an ihr durchgeführt hatte? Er hatte es nicht gesehen, er hatte es nicht erkannt und dass womöglich, nur wegen dem Umstand das er die Person und deren Arbeit ungemein schätzte.

Jason Joshua Calbott stellte dem Detektiv den Nachfolger von Neil Sesse vor. Der Mann wirkte auf Forrest für einen Pathologen zu jung, zudem von der Statur sowie den Gesichtszügen zu zart und er wollte ihn für den Beruf eines Pathologen bereits als ungeeignet einstufen, allerdings wurde er innerhalb von fünf Minuten, von Peter Brandon eines Besseren belehrt. Ohne mit der Wimper zu zucken, rollte der Pathologe den Inhalt des Kartonrohres auf dem Obduktionstisch aus und betrachtete ihn zunächst aufrechtstehend, wobei er um den Tisch eine Runde drehte, dann gebückt und mit einer Lupe in der Hand.

Den drei Männern bot sich ein unangenehmer Anblick, einer, der mit etwas Fantasie wesentlich ekelhafter werden konnte. Forrest und sein Vorgesetzter standen am Kopfende der Hautfläche und als der Pathologe sein erstes Fazit zog stellte er sich seitlich zu den zwei Männern, womit er in der Lage war, auf die angesprochenen Details zu deuten. „Wie sie sehen“, zeigte er auf die Nähte, „sind die Beine und Arme an die Hauptfläche angenäht, ohne Zweifel handelt es sich hier um menschliche Haut. Es ist die eines Mannes, das Alter dürfte bei plus minus zehn um die dreißig Jahre liegen, die Hautteile waren über einen längeren Zeitraum in Öl eingelegt“. Forrest Waterspoon und Jason Joshua Calbott wechselten einen Blick der besagte das sie der erwähnten Prozedur nichts abgewinnen konnten. „Ich folgere daraus“, zog der Pathologe ihre Blicke wieder auf sich, „das diente dem Zweck das Fleisch von der Haut oder umgekehrt die Haut vom Fleisch leichter lösen zu können. Ob das Opfer komplett, oder nur die Einzelteile in Öl lagen, lässt sich nicht feststellen. „Der üble Geruch ist auf den langsam einsetzenden Verwesungsprozess, den auch das Öl nicht verhindern kann, zurückzuführen. Ich schätze das die Haut wie wir sie vor uns liegen sehen, vor höchstens zehn Tagen, frühestens vor drei Tagen dem Opfer abgenommen wurde. Auf jeden Fall“, sah Peter Brandon den Detektiv und den Polizeipräsidenten mit einer sichtlich beeindruckten Miene an, „es ist nicht leicht einem Mensch die Haut abzuziehen und das hier“, schwang er die Lupe mehrfach auf und ab, „ist verdammt gute Arbeit und was die Zahl zu bedeuten hat“, deutete er auf die Hülle des nicht vorhandenen Oberkörpers, „überlasse ich ihrem kriminalistischem Instinkt!“

Kurz, kompakt, kompetent war die Aussage des Pathologen und sie gab dem Detektiv deutlich zu verstehen das er zumindest an diesem Ort, über das Opfer und die Tat an sich, nichts mehr erfahren konnte. Männlich, zwischen dreißig und fünfzig Jahre jung, das war alles was Forrest hatte, selbst die Leiche fehlte und das gab ihm Anlass genug, seinen alten Job von Neuem zu verfluchen.

Auf dem Weg aus der Pathologie blieb er stehen und wandte sich Peter Brandon zu. „Sagen sie“, wartete er bis sich der qualifizierte, in seinen Augen dennoch für diesen Job zu junge Mann zu ihm wandte, „in Anbetracht ihres Vorgängers frage ich mich, ob sie etwas mit der Sache zu tun haben?“ zeigte er mit der ausgestreckten Hand auf die Hautfläche auf dem Obduktionstisch.

„Nicht mehr als sie!“ erntete er eine kurze Antwort, die sich auf die von ihnen ausgeübten Berufe bezog.

„Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!“ bemerkte Jason Joshua Calbott und zog den Detektiv mit sich aus dem Raum.

 

***

 

William O`Shea war eine Frohnatur.

Am Wochenende spielten sich seine Nächte zunächst in Pubs und Restaurants, danach in Spielcasinos und auf Partys ab und es spielte keine Rolle, ob er zu diesen eingeladen war oder nicht. Nach diesen, wie er meinte für seinen Ruf notwendigen Pflichten, suchte er in den frühen Morgenstunden regelmäßig jeden Samstag und Sonntag ein vornehmes Bordell auf, um sich dann in seinem Appartement für den nächsten Abend mit ausreichend Schlaf vorzubereiten. William war ein Lebemann, aber von Montag bis Freitag ging er seinem Job hoch motiviert, konzentriert und mit Hingabe nach, denn irgendwie musste er seine kostspieligen Wochenenden finanzieren. Von Beruf war er ein Betrüger, Fälscher und Dieb.

Von Montag bis Freitagmittag ging er dieser Leidenschaft nach, er überzog seine vierzig Stundenwoche um keine Sekunde und wandte Praktiken an, die fast jedem Bestohlenen bekannt und die so simpel waren, dass sie ihm garantierten stets zu funktionieren. Ein Rempler da, ein schneller Griff dort, ein gespielter Sturz, ein vorgetäuschter Schmerz oder Unfall, noch bevor sich seine Opfer versahen, waren sie ihre Wertsachen in Form von Geldbeutel, Schmuck oder Handy los und William O`Shea in der Menschenmenge verschwunden.

An den Abenden unter der Woche, arbeitete er in seiner Wohnung, die eher einem Labor glich, an Fälschungen. Von Kunstgegenständen ließ er die Finger, aber Ausweise, Aktien, Schecks und Urkunden aller Art, waren vor seinen geschickten Händen nicht sicher. Täuschend echt und fabrikneu konnte er die gewünschten Artikel nachmachen, doch Geldscheine zu fälschen verweigerte er vehement. Einmal im Monat machte sich William auf den Weg und reiste kreuz und quer durch das Land, um seine Ware an den Mann zu bringen oder die bestellten Papiere abzuliefern. Kunden hatte er genug, Abnehmer und Interessenten fanden sich praktisch an jeder Ecke, man musste nur wissen wo sie sich befanden und er als langjähriger Profi wusste es.

William sah seinen Beruf als rechtmäßig an. Er fühlte sich als ein kleiner, moderner Robin Hood, nicht wegen dem das es seine Beute mit Bedürftigen teilte, das tat er nämlich nicht, aber er bestahl keine Leute, die er nicht vorher ausgekundschaftet hatte und von denen er wusste das sie ihren Verlust locker wegstecken konnten. Manchmal tat er ihnen damit sogar einen Gefallen, denn nicht selten war sein Diebesgut weniger wert, als es in der Höhe versichert war. Die Taktik die William bei seiner durchaus anstrengenden Arbeit verwendete, hatte er sich mit den Jahren angeeignet, immer weiter perfektioniert und niemals wich er von dieser ab. Das Opfer zunächst aussuchen, es beobachten, ihm folgen, es einige Tage ausspähen, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort den Diebesakt vollziehen. Er war durch dieses Vorgehen zu einem Meister seines Fachs geworden und ab und zu, stieg er in die Häuser der Betroffenen ein. Das tat er relativ selten und nur dann, wenn er sich seiner Sache absolut sicher und sie zudem mehr als lohnend war. Früher war er ein kleiner, mieser Taschendieb gewesen, inzwischen sah er sich als einen Künstler und edlen Raubritter an. William kleidete sich wie seine Opfer, die er sich ausgesucht hatte, ging meistens in einem Anzug an die Arbeit, kam dadurch, ohne den geringsten Verdacht zu erregen, ganz nah an sie heran und der Rest erwies sich als ein Kinderspiel.

In der Regel begann William seinen Dienst um zehn Uhr Vormittag, denn er passte seine Arbeitszeit der Jahreszeit und dem Wetter an. Es war eine, von seinen vielen gemachten Erfahrungen das in den frühen Morgenstunden zu wenig Leute unterwegs waren, die für ihn interessant wären und an denen er sich bedienen konnte. Arbeiter, Pendler, Jugendliche und Schüler interessierten ihn nicht, sehr selten Rentner. Die Art von Mensch nach denen er Ausschau hielt, verließ die Wohnung oder das Büro am späten Vormittag, stets dann, wenn sich der Tag teilte und die Geschäfte sowie Lokale nach ihren innig ersehnten Kunden zu rufen begannen.

Doch an diesem Donnerstagmorgen war alles anders...

 

***

 

Der Mai war für die Wetterverhältnisse in Boston viel zu warm. Es war völlig ungewöhnlich das die Temperaturen über mehr als dreißig Grad in dem Wonnemonat stiegen, doch in diesem Jahr war es bis dahin an fast allen Tagen geschehen. Dementsprechend stöhnte die Bevölkerung, während sich die Lokale, Eisdielen, Parks, die Freibäder sowie die Ufer der Flüsse und der Strand des Atlantiks sehr großer Resonanz erfreuten oder sich ihr ausgesetzt sahen.

Schon wieder zeigte sich für Forrest Waterspoon das Leben als ein Wiederholungstäter, das sowohl, was es an Bosheiten zu bieten hatte, als auch, welche Gemeinheiten es lange verborgen hielt, um sie dann einem in das Gesicht oder vor die Füße zu werfen. Erneut stand er am Ufer des Mystic River und obwohl es nicht wie damals regnete, sah er für einen kurzen Moment Anna Koslowski vor sich am Boden liegen, aber vor ihm lag nicht die junge Frau, sondern etwas was mit einem Menschen nicht mehr viel zu tun hatte. Angewidert wandte er sich von den Überresten des vermutlich männlichen Opfers ab. In seinem Rücken lag ein Klumpen Fleisch, es war der Oberkörper einer unbekannten Person, aber als solcher kaum zu erkennen. Die Beine, das Becken, die Arme und der Kopf fehlten an dem Leib, ebenso die Haut an der Vorderseite und ausgerechnet spielende Kinder hatten die rohe Masse gefunden. Er hoffte inständig, dass die kleine Gruppe der Teenager, den Glauben hegte das sie ein Tierkadaver gefunden hatten, der durch den Fluss angeschwemmt worden war und so böse es klang, einen anderen, vor allem einen zutreffenderen Vergleich konnte der Detektiv in seinem Wortschatz nicht finden.

Forrest Waterspoon frühstückte seit Jahrzehnten nicht mehr und der Appetit auf das überfällige Frühstück wäre ihm im Augenblick ohnehin vergangen. Er begab sich vom Ufer des Mystic River zurück auf den Spazierweg, der den Fluss in dieser Gegend einige Kilometer begleitete. Er befand sich in dem Vorort Sommerville, im Sylvester Baxter Riverfront Park und die schlechten Erinnerungen an damals, schienen ihm absichtlich seinen Weg erschweren zu wollen. Vor acht Monaten war er an den Mystic River in das alte Hafengelände und damit an den Fundort von Anna gerufen worden, er lag nicht weit weg von seinem jetzigen Aufenthaltsort entfernt, fast in Wurfweite und der anders geschriebene Name Baxter in der Parkbezeichnung tat sein Übriges dazu. Als er den gepflasterten Boden unter seinen Füßen spürte, kam es ihm vor, als ob ihn die Schritte rückwärts in die Vergangenheit geführt hätten. Wieder stand er am Mystic River und erneut hatte er eine Leiche, von der er noch viel weniger wusste, wie einst von Anna.

Die langjährige Diensterfahrung, die der Detektiv besaß, sagte ihm das der Tote ein Mann gewesen war, aber wer war er, woher kam er und warum musste er sterben? Zu den offenen Fragen kam eine große Sorge hinzu. Forrest bezweifelte keinen Moment, das die ihm per Post zugesandte Hautfläche von der Leiche stammte und fragte sich warum sie ihm geschickt wurde? Handelte es sich dabei um eine Warnung oder war das Kartonrohr eine Drohung und befanden sich er, sowie seine Familie in Gefahr? Er sah auf seine Armbanduhr und zum Ufer hinab.

Über der breiigen Fleischmasse und dem Gewebe fochten Insekten ihren Luftkrieg aus und Forrest war sich sicher, dass es für die Männer von der Spurensicherung an diesem Ort nichts zu finden gab. Es war offensichtlich das der Rest des Toten hier bewusst abgelegt worden war, denn für den Mörder oder die Täterin, der Detektiv schloss seit seinem letzten Fall absolut nichts mehr aus und genauso wenig hielt er etwas für unmöglich, war es wichtig das der Oberkörper gefunden wurde, ohne selbst gesehen zu werden. Einen besseren Ort als den Park, der vom Abend bis in die frühen Morgenstunden verlassen da lag, gab es dafür nicht.

Mit negativ gemischten Gefühlen und einer nicht unbegründeten Sorge um seine Familie, verließ Forrest Waterspoon den Fundort. Er ging mit der Besorgnis das sich die angenehme Ruhe und teilweise entstandene Langeweile der letzten Monate, brutal an ihm rächen wollte und konnte nicht ahnen wie recht er hatte...

 

***

 

Sichtbar nervlich angeschlagen, mit einer Miene, die auf der Stelle Mitleid erregte und mit dem Kindergebrüll in ihren Ohren das aus dem Haus in ihrem Rücken zu ihr drang, begab sich Sally mit einer leeren Plastikwanne, die an ihrem Unterarm hing und einem vollen Wäschekorb, zu den drei von ihrem Mann provisorisch angebrachten Leinen, im Vorgarten. Ihr war tatsächlich zum Heulen zumute, die drei Kinder zwischen einem und vier Jahren, überforderten sie in der derzeitigen Situation und für eine alleinerziehende Mutter, fühlte sie sich zu jung, sowie allein und im Stich gelassen, ganz besonders von ihrem Gatten.

Sally war zweiundzwanzig Jahre jung, bildhübsch, für eine Mutter von drei Kindern fast zu schlank, dafür für eine Frau beinahe zu groß und neben ihren weiblichen Reizen besaß sie eine liebevolle, sowie magische Anziehungskraft. Ihre leicht raue Stimme und ihr Lächeln konnten jeden verzaubern, ihr Charakter und ihre stark ausgeprägte Fantasie alle in den Bann ziehen, aber leider war Sally sehr naiv, ziemlich ungebildet, kaum belesen und an den Dingen des normalen Lebens nicht interessiert. Sie lebte in den Tag hinein, kochte, wenn sie es tat, äußerst schlecht und die Arbeit einer Hausfrau verrichtete sie ungern, somit nicht zufriedenstellend und dazu mit dem Nachteil ausgestattet, ein Tollpatsch zu sein. Diese Merkmale standen absolut im Widerspruch zu der Annahme, die von den meisten Menschen im Nu getroffen wurde, denn Sally war im Gegensatz zu der Meinung von ihnen, eine wundervolle Mutter, eine hingebungsvolle und treue sowie eine leidenschaftliche Ehefrau.

Von einem Tag auf den anderen war ihr Mann trotzdem weg, ohne ihr ein Wort von seinen Plänen zu sagen. Ganz normal ging er zur Arbeit, doch danach kam er nicht nach Hause. Es gab vorher keinen Streit und sie kannte keinen Grund, der ihm den Anlass dazu bot, um sie und die Kinder zu verlassen, aber er hatte wie es schien sich für ein anderes Leben oder für eine andere Frau entschieden. Sally fiel es schwer das zu glauben, denn Matt liebte sie abgöttisch und sie liebte ihn vom ganzen Herzen, aber wo war er? Die ganze Nacht konnte sie nicht schlafen, wartete vergeblich auf ihn und am frühen Morgen rief sie seinen Arbeitgeber an, aber Matt war weder am Tag zuvor noch an diesem auf seinem Arbeitsplatz erschienen. Besorgt wandte sie sich an die Polizei und meldete ihren Mann als vermisst, doch als sie das Revier verließ, spürte sie das hämische Lächeln der Beamten die ihre Anzeige aufgenommen und nicht ernst genommen hatten. Enttäuscht nahm sie zur Kenntnis das die Polizisten in dem Glauben waren, das ihr Mann sich so, wie viele andere Kerle, vor den gewöhnlichen und gewohnten Alltagspflichten drücken wollte und statt diesen irgendwo ein Abenteuer bevorzugte. Weinend begab sie sich nach Hause, fühlte sich verloren, hilflos und verlassen. Eines gab ihr eine kleine Hoffnung und die hieß das ihr Ehemann nicht wie die anderen war, er war anders, allerdings schmolz ihr Vertrauen in ihn mit jeder Stunde seines Fernbleibens. Seit einer Woche war Matt inzwischen spurlos verschwunden.

Matt und Sally hatten das Haus erst vor wenigen Wochen mit einer Kaufoption langfristig gemietet. Bevor sie einzogen, schuftete Matt wie ein Berserker, um es einigermaßen wohnhaft und gemütlich zu gestalten. Er entsorgte die vorhandenen alten Möbel und befreite das Gebäude vom jeglichen Unrat. Als Mülldeponie diente ihm der Garten hinter dem Haus, dann strich er alle Zimmer und die Fassade neu und lagerte das Gerüst ebenfalls auf der Grünfläche hinter dem gemieteten Objekt das irgendwann einmal ihm, seiner Frau sowie ihren gemeinsamen Kindern gehören sollte. Deswegen konnte Sally das Verhalten ihres Mannes nicht nachvollziehen und glauben.

Das Wetter war zu schön, um die Wäsche im Keller aufzuhängen, allerdings musste Sally aus diesem Grund und zu ihrem Unwillen diese, für jeden sichtbar im Vorgarten auf der Leine anbringen. Der kleine Garten hinter dem Haus war wegen den Arbeiten von Matt praktisch unzugänglich und außerdem zu verwildert. Sie stellte die Körbe auf den Rasen und begann die trockene Wäsche abzunehmen.

Sally nahm die ersten drei Wäschestücke, es waren zwei Jeans von Matt und eine von ihr, auf der ersten Leine ab und widmete sich von da an der mittleren Schnur, denn da hing die Unterwäsche von ihrer Familie und sie mochte es nicht das Ihre Slips und Büstenhalter für die Nachbarschaft zu sehen waren. Es spielte für sie keine Rolle, ob es sich dabei um Männer oder Frauen handelte, denn die perversen Spanner und die geilen Spinner gab es überall und von ihren Frauen, die unfähig waren ihre Kerle zu befriedigen, wurde man dann sofort als eine billige Hure eingestuft. Geschah das, nahm es immer den gleichen Lauf. Der Neid das eine Frau in der Nachbarschaft für den eigenen Mann jünger und attraktiver war wuchs, das böse Gerede hinter dem Rücken wurde lauter und schließlich, egal wo, ob auf dem Bürgersteig oder beim Einkaufen, wurde man entweder ganz gemieden oder wie ein Straßenmädchen behandelt.

Die Mutter von drei Kindern hielt in ihrem Tun inne, ihre Arme in die Höhe ausgestreckt, ihre Hände auf der Leine und ihre Finger zwei Wäscheklammern haltend, fiel ihr ein Wäschestück auf, das ihr fremd war. Es hing am Ende der Schnur zur Hausseite hin und sah wie ein Badeanzug aus den dreißiger Jahren aus. Sally besaß nicht die, dem weiblichen Geschöpf angeborene Neugier, doch diesmal wurde sie von ihr, aus ihrer überraschten, bewegungslosen Haltung geweckt.

Als ob sie das Wäschestück jeden Moment angreifen könnte ging sie darauf zu. Davorstehend griff sie mit beiden Händen danach und zog sie voller Ekel zurück. Ihre langen, dünnen sowie zarten Finger waren mit einem seltsamen Schleim bedeckt und blutverschmiert, in ihr stieg Übelkeit hoch und sie erbrach sich. Rückwärts gehend wich sie, wie vor einem wilden Tier, durch die Wäsche der ersten Leine vor dem Kleidungsstück zurück, fiel hin und als sie auf dem Hosenboden saß, begann sie hysterisch zu schreien.

 

***

 

Jason Joshua Calbott bat Forrest sich zu setzen. „Eigentlich“, verzog er die Stirn, „sollte ich ihnen den Fall nicht überlassen, es ist nicht unser Zuständigkeitsgebiet, aber da wir im Moment davon ausgehen müssen das die Haut die sie zugeschickt bekommen haben, von dem Opfer stammt, leiten sie die Ermittlung.“ Der Detektiv wollte sich dazu äußern, aber der Kommissar von Boston hob die Hand. „Sie haben den Stuhl, auf dem ich sitze“, ließ ihn der Polizeipräsident nicht zu Wort kommen, „freiwillig geräumt, keiner hat sie gedrängt, niemand wollte sie absägen, es war ihre Entscheidung, also keine Widerrede.“

„Einverstanden“, hatte Forrest gar nicht vorgehabt einen Einwand zu erheben, „ich wollte sie darum bitten, dass ich mir meinen Partner aussuchen darf, denn ich gehe davon aus, dass sie mich nicht allein an dem Fall arbeiten lassen werden.“

„Sie kennen die Regeln und wissen, dass ich das nicht zulassen darf, an wen haben sie gedacht?“

„Jesse Owens.“

Der Polizeipräsident strich sich mit dem Handrücken über das Kinn. „Kenne ich nicht, aber wenn sie ihn haben wollen, dann sollen sie ihn kriegen. Bei welcher Einheit ist er?“ erkundigte er sich, um die Order für einen Wechsel innerhalb der Institution erteilen zu können.

„Er fährt Streife, war früher bei der Verkehrsüberwachung“, teilte der Detektiv seinem Vorgesetzten lächelnd mit und erntete wie er es erwartet hatte, einen fragenden Blick. „Ich will ihn, keinen anderen, er ist ein guter Mann“, versuchte Forrest die Skepsis des Kommissars zu verscheuchen, „er hat mir im Fall von Forrest Hill ausgeholfen und wirklich gute Arbeit geleistet. Er ist der Richtige!“

„Meinetwegen, sie sollen ihn haben, ich veranlasse seine sofortige Versetzung“, hatte der Polizeipräsident nichts gegen die Partnerwahl des Detektivs, „aber ihre Aussage über seine bisherige Laufbahn sagt mir, dass der Mann unerfahren ist, das birgt ein gewisses Risiko, also passen sie auf ihn auf!“

„Das versteht sich von selbst“, erhob sich Forrest und ohne, dass er es wollte, dachte er an Henry McClure, seinen letzten Partner. Es war nicht seine Schuld das sein ehemaliger, wesentlich jüngerer Kollege das Trauma der Gefangenschaft und die erlittene Folter in der Klinik von Forrest Hill noch nicht und vielleicht niemals verarbeiten würde und den Polizeidienst vor allem deshalb quittiert hatte. Oft stellte er sich die Frage, ob er damals die Verschleppung von Henry und die ihm zugefügten Qualen verhindern hätte können und obwohl er es wusste das dies nicht der Fall war, machte er sich Vorwürfe.

„Ich bin weit davon entfernt“, riss ihn sein Vorgesetzter aus seinen Gedanken, „auf sie Druck auszuüben zu wollen, aber ich denke wir zwei wissen oder befürchten, was uns die Zahl auf der Haut sagen soll.“

„Das ist nicht die erste Leiche!“ warf Forrest ein.

„Ich weiß das sie durch die Zusendung der Haut belastet sind und sich Sorgen machen, doch aus meiner Position, kann ich mir dadurch keinen besseren Mann für die Aufklärung wünschen. Ich erspare mir und ihnen, jede in dieser Situation übliche Floskel, aber bitte, geben sie Alles und beenden sie die Schweinerei so schnell sie können.“

Die Bitte von Jason Joshua Calbott ließ Forrest nachdenklich den Weg in sein verhasstes altes und doch neu lieb gewonnenes Büro antreten. Ein schnelles Ende der Teufelei setzen, dachte er sich, was für ein Wunsch, dabei, dessen war er sich sicher, hatte die Sauerei noch nicht einmal richtig angefangen...

 

***

 

Ruby war die Sorte von Frau, für die Sally von vielen ihrer Nachbarn gehalten wurde und sie stand zu dem liegenden Gewerbe, obwohl sie die Bezeichnung als nicht korrekt oder zu altmodisch empfand. In ihrem Beruf gab es Positionen, die mit liegen nichts zu tun hatten. Sie hatte damit überhaupt kein Problem, in ihren Augen waren Männer arme Geschöpfe, die von ihrem Trieb drei Mal gefoltert wurden, vor, während und nach dem Akt. Vor dem Liebesspiel, das mit Liebe nichts zu tun hatte, benahmen sie sich wie schnurrende, harmlose und zahme Kätzchen, während sie der Hormonausschüttung folgten, blamierten sie sich in der Regel nach wenigen Sekunden und in seltenen Fällen dauerte es länger als eine Minute, in der sie wilde Tieren sein konnten, um danach zu kleinen Kindern zu werden. Ruby war das egal, für sie zählte die Bezahlung und billig gab sie sich nicht her, schon gar nicht jedem Freier.

Ruby hätte nicht anschaffen gehen müssen, sie wollte es tun. Sie sah im Vergleich zu ihren Kolleginnen sehr gut aus, achtete auf ihr Äußeres und wählte ihre Kunden mit Bedacht aus. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die an den berüchtigten Straßenecken oder in den dunklen Gassen standen, sondern arbeitete für eine Agentur und ließ sich als Begleitdame vermitteln. Es kam manchmal vor das sie einen Auftrag ablehnte, besonders dann, wenn den Interessenten ein gewisser Ruf vorauseilte. Gewisse Praktiken lehnte sie strikt ab und sie konnte sich das als eine gefragte Hostess erlauben sowie leisten. Gelegentlich machte ihr der Job richtig Spaß und nicht immer gingen ihre Klienten bis zum letzten. Von einigen ihren Stammkunden hätte sie die Tochter sein können, manche wollten mit ihr, konnten aber nicht, entweder körperlich oder wegen ihrem Gewissen der eigenen Frau gegenüber und einige andere, aber wenige, nahmen einfach nur ihre Gesellschaft in Anspruch.

Sie war eine lustige Person, mit der man sich sehen lassen konnte und mit der es sich gut reden ließ. Ruby war eine kluge junge Dame, allerdings fühlte sie sich mit ihren achtundzwanzig Jahren manchmal schon zu alt für ihren Beruf. Sie ließ sich überzeugen das ihr Alter für die Kunden der Agentur kein Hindernis war, nicht jeder wollte sich mit einer pubertären Begleitperson vor seinen Gästen oder als Gast blamieren.

 Zwei Jahre wollte sie den Job noch ausüben, in dieser Zeit so viel Geld wie möglich erwirtschaften, danach, so hoffte sie, war es ihr möglich auszusteigen, um sich ihren Lebenstraum zu erfüllen. Ihre Ersparnisse waren bereits durchaus ansehnlich, aber sie reichten für ihre Zukunftspläne nicht aus, denn ihr Ziel war es die Besitzerin eines kleinen, beschaulichen Hotels zu werden. In Aspen, Colorado, hatte sie das passende Objekt gefunden, bei den älteren Eigentümern eine Kaufoption erworben und das fehlende Kapital in Höhe von einigen zehntausend Dollar ließ es zu das Ruby ihre Gewohnheiten verwarf.

Entgegen den von ihr selbst auferlegten Vorsichtsmaßnahmen, die ihr, wie sie wusste, viel Schmerz und Leid erspart hatten, nahm Ruby einen Auftrag an, den sie vor wenigen Wochen ganz sicher abgelehnt hätte. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen nahm sie nie einen neuen Kunden an, dabei war es für sie völlig unwichtig was dieser für einen Leumund hatte. Keiner war fähig durch eine Tür hindurch zu sehen und ihre Erfahrung besagte das sich der edelste und angesehenste Gentleman im Schlafzimmer zu einer Bestie verwandeln konnte. Die blauen Augen und misshandelten Körper von den anderen Frauen in der Agentur bestätigten ihr das immer wieder.

Am Vorabend hatte sie dieses Wissen ignoriert, zudem eine zweite sich selbst auferlegte Sicherheitsauflage dummerweise völlig außer Acht gelassen und einen Neukunden in dessen Villa aufgesucht. Der Job war schnell erledigt, er lief geradezu peinlich für den Klienten ab und als sie von der Situation unangenehm berührt gehen wollte ließ er es nicht zu.

Ruby war an diesem Donnerstag immer noch da... 



Ende der Leseprobe




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Autor John Phillip Starck
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