google-site-verification=XD62QILo8ldCDEzkfpsipOdZ3cFUOFgTPBWuESpMHIM

Leseprobe Blutgruppe 30




ISBN: 978 109 196 1081

Copyright © Pomorsky Roman, Gelsenkirchen

Lektorat: Ilse Hendricks



John

Phillip

Starck

 

Blutgruppe

30

 

Thriller

 

 

 

Vorwort

Es gibt nichts absolut Perfektes und so gern man diesen Grad auch erreichen möchte, es ist von Natur aus unmöglich. Man kann es gut oder sogar besonders gut machen, aber niemals vollkommen. Das ist der Grund warum in diesem Werk im Bereich der Gentechnologie sowie in anderen Bereichen der Medizin auf unverständliche und komplizierte Erklärungen verzichtet wurde.

Richtig, lesen bildet, doch manchmal kann es einen ebenso richtig verwirren. Die folgenden Seiten dürfen durchaus in einem gewissen Umfang verwirren, ein bisschen bilden, doch sie sollen auf gar keinen Fall einem die Freude am Lesen rauben. Was folgt ist nur eine Geschichte und diese will die oder den Leser nicht mit Fachbegriffen und speziellen Praktiken aus der Genforschung und der Medizin die Lust auf mehr rauben und dadurch am Ende langweilen oder sogar unverständlich werden.

Was am Ende bleibt ist die Hoffnung das ein Teil der Handlung nie Wirklichkeit und ein Bestreben von uns sein wird, nämlich perfekt zu werden und immer schneller, höher, stärker, immuner, gesünder und sogar unsterblich sein zu wollen.

Der Mensch ist ein Teil der Natur und so wie diese nicht perfekt, so soll es sein, so soll es bleiben. Wäre da nicht unser Wissensdurst und der Trieb zur Perfektion, doch dabei wird vergessen das alles zwei Seiten besitzt und das ein Schritt nach vorne letztendlich zwei nach hinten auslösen kann. Wie auch immer, gewisse Praktiken, die in der Story erwähnt werden, sind bereits durchgeführt worden, mit und ohne dem Wissen der Öffentlichkeit...

Jetzt sind die Seiten ein Buch, ein Buch, das seine eigenen Regeln hat, vor allem dann, wenn es um die deutsche Rechtschreibung geht. Blutgruppe 30 vermischt gelegentlich die alte und die neue deutsche Rechtschreibung und das Komma sitzt dort wo es für das persönliche Empfinden und im Sinne der Geschichte sein soll und nicht da wo es die Rechtschreibung vorschreibt.

Irritierend?

Wenn ja, dann ist es gut...

Was bleibt ist die Hoffnung das die nachfolgende Geschichte dazu fähig ist vom Alltag abzulenken, neugierig auf die Ereignisse auf der nachfolgenden Seite macht und jedem Leser einige unterhaltsame und spannende Stunden schenken kann.

 

Viel Freude beim Lesen der

Blutgruppe 30

 

wünscht Ihnen der Autor

 

J. P. Starck 

 

 

Blutgruppensystem 001:

 

AB0

Von den vielen Blutgruppensystemen beim Menschen sind 29 bei der Internationalen Gesellschaft für Bluttransfusionen (ISBT) anerkannt und werden dort ausführlich beschrieben.




So begann es...

  

Das Jahr 1953 war nicht viel ruhiger oder besonders aufregender als die Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Allerdings wurde der Ton zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion schärfer, der kalte Krieg wurde erbitterter geführt und das Wettrüsten erfuhr eine neue Dimension. Die Geschichte ging gnadenlos ihren Weg, unbedeutend blieben dabei die Schicksale von Einzelnen, doch einige wenige erlangten einen zweifelhaften sowie furchterregenden Ruf und brachten durch ihre erlangte Macht großes Leid, Folter, Terror und den Tod über ihr Volk. Es war Januar, als der Partisanenkämpfer und Volksheld Tito, dessen wahrer Name Josip Broz lautete, der Staatspräsident des ehemaligen Jugoslawiens wurde. Damals, im Jahr 1953, ahnte niemand, dass aus dem Kriegshelden ein Despot mit zwei Gesichtern werden sollte.

Im Februar schrie wieder einmal die Natur auf und sorgte für eine verheerende Sturmflut in England und Belgien. Besonders schlimm traf es die Niederlande, das Land stand zu einem Drittel unter Wasser und es gab sehr viele Todesopfer zu beklagen.

Im März 1953 starb der neben Adolf Hitler grausamste Diktator den die Welt je hervorgebracht und gesehen hatte: Josef W. Stalin! Der von seinen Untertanen als „Väterchen“ gepriesene Kremlchef entpuppte sich sehr viel später als ein Monster in Menschengestalt. Der Tyrann ließ verfolgen, quälen, unschuldig einsperren und töten, unzählige Menschenleben forderte seine Regentschaft. Ihm folgte im September Nikita S. Chruschtschow als Gewaltherrscher.

Während der Osten Europas immer mehr unter dem Hammer und der Sichel des kommunistischen Regimes versank, die Freiheit der Menschen praktisch nicht mehr existierte, die Armut zunahm und der Lebensstandard drastisch schlechter wurde, erfuhr die Demokratie in Westdeutschland im April einen neuen Höhepunkt: Mann und Frau wurden vor dem Gesetzt gleich gestellt. In Ostdeutschland wurde aus Chemnitz zum Leidwesen vieler seiner Einwohner Karl-Marx-Stadt und ebenfalls im Monat Mai wurde der Mount Everest, der höchste Berg der Erde, erstmals von Menschen bestiegen. Im Juni wurde Elisabeth II. zur Königin von Großbritannien gekrönt. Vierzehn Tage später walzten sowjetische Panzer einen Arbeiteraufstand in der DDR nieder. Im selben Monat kam es in der bayerischen Landeshauptstadt München zu äußerst schweren Unruhen, der Grund dafür war, dass zwei Textilhäuser ihre Geschäfte auch am Samstagnachmittag öffnen wollten.

Der Frauenmörder John Reginald H. Christie, bekannt geworden als der Würger von Nottinghill, wurde im Juli in London hingerichtet und Fidel Castro scheiterte auf der Karibikinsel Kuba mit seinem Putschversuch. Es war im August als die Sowjetunion erstmals eine Wasserstoffbombe testete. Bei den zweiten Wahlen zum Deutschen Bundestag triumphierte Konrad Adenauer mit der CDU/CSU und in diesem September heiratete John F. Kennedy Jacqueline Bouvier.

Für seine historisch-biografischen Werke erhielt Winston Churchill, eigentlich durch und durch ein Politiker, im Oktober den begehrten Literaturnobelpreis durch die Stockholmer Akademie zugesprochen. Friedrich Paulus, der Befehlshaber der sechsten Armee in Stalingrad, kehrte schließlich in diesem Herbstmonat nach fast zwölf Jahren aus der Gefangenschaft nach Hause zurück, zurück nach Ostdeutschland.

In den letzten acht Wochen dieses Jahres fiel der Interzonenpass zwischen Ost- und Westdeutschland für immer weg und Walter Hallstein, Staatssekretär im Außenministerium, forderte energisch die Freilassung aller deutschen Kriegsgefangenen. David Ben Gurion, Staatsgründer Israels, trat als Ministerpräsident zurück, der Playboy brach zum Entsetzen aller Moralapostel das Nackt-Tabu und bis zum Jahresende waren mehr als dreihunderttausend Menschen aus der DDR in den Westen geflohen.

Das alles und noch viel mehr geschah im Jahr 1953.

    

Weitgehend unbemerkt von den Medien und der Öffentlichkeit blieb in diesem Jahr der Erfolg von zwei Wissenschaftlern, denen es gelungen war, einen Weg zu finden, der es ihnen ermöglichte die Molekularstruktur der menschlichen DNA zu entschlüsseln. Diese Entdeckung förderte und forderte die Forscher auf der ganzen Welt, die sich mit der DNA des Menschen befassten. Sie sorgte auch dafür das unter diesen teilweise genialen Wissenschaftlern in Bezug auf die vollständige Erkennung der menschlichen Bausubstanz ein radikaler Wettkampf entbrannte. Das lag in erster Linie an den Geldgebern der Forscher, egal ob sie staatlicher oder privater Art waren, sie waren es, die unerbittlich auf eine schnelle Auflösung der menschlichen DNA drängten.

Die Entschlüsselung der menschlichen Bausubstanz bedeutete für die Investoren einen in der Höhe unmöglich abzuschätzenden Profit, vor allem für den, der sie als erster in den Händen hielt. Schließlich besaß die Entschlüsselung der DNA die Möglichkeit das Äußere und Innere eines Menschen oder Tieres manipulieren zu können.

Bei den finanziellen Überlegungen hatte niemand die kompletten wirtschaftlichen und denkbaren militärischen Vorteile berücksichtigt. Doch trotz den großen Bemühungen ist es der Wissenschaft bis heute nicht gelungen die menschliche Bausubstanz auch nur annähernd zu decodieren. Bis heute sind den Forschern auf der ganzen Welt weit mehr als fünfzig Prozent der menschlichen DNA ein Rätsel. Die einzelnen Abschnitte der DNA, bekannt als ein Gen, sowie Einheiten und Sequenzabschnitte von der menschlichen Bausubstanz verfügen für sie nach wie vor über völlig unbekannte Funktionen. Doch die schwarzen Schafe in diesem Bereich der Wissenschaft schreckte das von waghalsigen Experimenten nicht ab.

Die Forschungen in und um die DNA wurden laufend intensiviert, dass auf verschiedenen Ebenen und in vielen Ländern auf der ganzen Welt. In den Anfangsjahren der Forschung stand allerdings nicht der Fortschritt und die Wissenschaft im Vordergrund, sondern einzig und allein der persönliche Erfolg.

Jeder wollte der Erste sein, dem es gelingt, die Molekularstruktur des Menschen zu entschlüsseln.

Es war daher eine logische Folge das die meisten Institutionen und Organisationen für sich selbst tätig waren und ihr erlangtes Wissen nicht mit der Konkurrenz teilten. Erst nach einigen Jahren, bedingt durch deutlich mehr Rückschläge als Erfolge, wurde der teilweise lächerliche und sture Egoismus aufgegeben. Die Forschung in dieser Branche erlebte einen regelrechten Boom, denn die Welt, dass Leben und die Menschen waren im Begriff sich selbst erklären zu können. Es war eine eigene Welt in die man im Begriff war einzudringen, es war eine Welt für sich, es war die Welt der DNA.

Um in der umstrittenen Genforschung tätig sein zu können war ein hoher Grad an Menschlichkeit erforderlich. Schon sehr bald wurde klar das der Mensch und die Menschlichkeit in diesem Metier nicht gefragt waren. Den Unternehmen und Sponsoren ging es nicht um die Wissenschaft und den bahnbrechenden medizinischen Fortschritt, es ging nur um den persönlichen Profit und das eigene, leibliche Wohl. Schnell versuchten manche Geldgeber und Firmen ihr Kapital aus dieser Wissenschaft zu schlagen, einige mit Erfolg, wesentlich mehr mit dem Verlust ihrer gesamten Existenz und Zukunft. Einige Wissenschaftler die den Aufbau des Lebens, die DNA, vergeblich erforscht hatten, zerstörten, ohne es zu merken ihr eigenes Dasein.

Merkwürdigerweise erhielten vor allem die sogenannten schwarzen Schafe in diesem Sektor der Wissenschaft die besten Bedingungen und Möglichkeiten zur Verfügung gestellt. Ethik und Moral brachten keinen Gewinn. Der Profit bei einer sensationellen Erfindung, zum Beispiel in der Medizin, im Kampf gegen den Krebs oder gegen das Alter, konnte in den Beträgen nach oben überhaupt nicht kalkuliert werden. Somit war es kein Wunder das mit diesen Aussichten bei den Firmen und Investoren die Seriosität und sämtliche ethischen sowie moralischen Bedenken abrupt völlig verschwanden. Die Konsequenz daraus war, dass die Zahl der schwarzen Schafe in diesem Berufsfeld bedenklich zunahm.

Die menschliche Bausubstanz wurde für die Forscher im Lauf der Zeit ein eigener Kosmos, der dem Universum, in dem der Mensch lebt in Größe und in dem Unbekannten in nichts nachstand. Erst im Juni 1970 gelang es einem Biochemiker, der zwei Jahre zuvor den Nobelpreis in der Medizin erhalten hatte, ein synthetisches Gen mit siebenundsiebzig Grundbausteinen des Lebens herzustellen. Es war eine Zeit, in der die Gentechnik und die Genmedizin immer mehr in das Blickfeld der Medien und damit der Öffentlichkeit rückte.

Als das Schaf Dolly am 14. Februar 2003 verstarb war das Tier erst sechseinhalb Jahre alt. Bereits einige Monate vor dem Tod des Tieres konnten bei Dolly deutliche Alterserscheinungen festgestellt werden. Das Schaf war aus wissenschaftlicher Sicht kein vollkommener Klon, obwohl fälschlicherweise darübergeschrieben wurde. Es war die Art und Weise wie Dolly erschaffen worden war und die keine hundertprozentige Übereinstimmung mit dem Ausgangstier zuließ. Deshalb war das Schaf Dolly genau und streng genommen kein absolut perfekter Klon.

Das Projekt Dolly wurde in Schottland, im Roslin-Institut, nahe Edinburgh in die Realität umgesetzt. Als Dolly der Öffentlichkeit voller Stolz und Triumph sowie einem spektakulären Größenwahn präsentiert wurde, rief das Tier allerorts sehr zwiespältige Reaktionen hervor. Dolly war einerseits eine große Sensation, doch das geklonte Schaf verursachte bei den Gegnern der Genforschung erhebliche Bedenken. Sie sahen in dem geklonten Tier die Vorstufe von einem Doktor Frankenstein und dessen Brut. In der Politik waren die Meinungen nicht minder gespalten und die Leute auf der Straße distanzierten sich mehr von dem Projekt als das sie es gut hießen. Das Schaf Dolly war ohne Zweifel eine Sensation, ein schreckliches Weltwunder!

Diese wissenschaftlichen Arbeiten wurden in der Folge zunehmend durch leichtsinnige und skrupellose Idealisten sowie von und durch skrupellose Profithaie extrem missbraucht. Die neuen technischen Geräte, die auf den Markt gekommen waren, boten den Genforschern bessere Arbeitsmöglichkeiten und desto tiefer sie in das Universum der menschlichen Bausubstanz vordrangen, umso schneller verloren sie jede Form von Ethik und Moral. Sämtliche Bedenken waren in der Genforschung für sie ein Hindernis.

Die Vorgehensweise wurde immer unseriöser, daran konnten selbst die neu entstandenen Gesetze nichts ändern. Die Decodierung der menschlichen Bausubstanz schritt trotz aller Bemühungen nur sehr langsam voran, doch das verhinderte nicht das einige Wissenschaftler ihre Forschung an den menschlichen Zellen weiter betrieben und ihre Ergebnisse an lebendigen Tieren unkontrolliert oder illegal testeten. Der Natur und dem Leben stand ein massiver Einschnitt bevor, denn einige überhebliche und wahnsinnig gewordene Genforscher sahen sich dazu berufen Gott zu spielen!

Die Gesetzgebung konnte nicht verhindern, dass im Fall Dolly eine einzige Person den gesamten Erfolg für sich verbuchte, obwohl ein weiterer Zellbiologe maßgeblich an diesem Klon-Projekt beteiligt war. Eigentlich hätte der übergangene Wissenschaftler den Ruhm, die finanziellen Quellen sowie die Ehrungen und Preise erhalten müssen. Das Schaf Dolly, dass als einziges von neunundzwanzig Embryonen überlebte, brachte somit ein weiteres menschliches, schwarzes Schaf hervor und es sollte zum Leidwesen der Gentechnologie nicht das letzte sein, dass in diesem Zweig der Wissenschaft alle Werte des Lebens vergaß.

1953 wurde auch der Professor geboren....

           

 

Blutgruppensystem 002:

 

MNS

Der Österreicher und aus Wien stammende Arzt Karl Landsteiner beschrieb im November 1901 seine Entdeckung der verschiedenen Blutgruppen. Das von ihm dargelegte ABO System wurde 1928 von der Hygienekommission des Völkerbundes dazu ausgewählt, um die Blutgruppen auf der ganzen Welt einheitlich bezeichnen zu können. 

 

 

Prolog

 

Montag, 02. Oktober

 

Morgens


Es war noch nicht einmal fünf Uhr morgens als Detektiv Forrest Waterspoon durch die Einsatzzentrale geweckt und zu der Fundstelle einer Leiche beordert wurde. Als er vor Ort im alten Bostoner Hafen am Mystic River eintraf wurde er von seinem Partner, mit dem er erst seit wenigen Wochen zusammenarbeitete, empfangen. Der Detektiv war noch gar nicht aus seinem alten Ford ausgestiegen, als Officer Henry McClure ihn mit einem lächerlich bunten Regenschirm in der Hand unausgeschlafen wirkend begrüßte. Ein anonymer Anrufer, so viel wusste Forrest bereits, hatte sich beim Police Departement gemeldet und die Stelle ausführlich beschrieben an der die Leiche einer jungen Frau gefunden werden konnte.

Forrest begab sich in dem strömenden Regen, gefolgt von Henry, zum naheliegenden Flussufer und ging neben einem gleichaltrigen Mann in die Hocke. Er sah sich wie der Pathologe das Opfer an. Über der Leiche war eine Plane aufgespannt worden. Ein kleiner, rundlicher, auf einem dreibeinigen Stativ befestigter Scheinwerfer erleuchtete ihren zarten, nassen und vollkommen nackten Körper. Die langsam einsetzende Morgendämmerung hatte nicht die Macht sich gegen den grauen Himmel durchzusetzen und die Regentropfen wirkten wie Tränen, die jemand aus Trauer um die auf dem Bauch liegende Tote vergoss. Wie die suchenden Augen des Pathologen sah auch Forrest zunächst keine sichtbaren Verletzungen an dem leblosen und nackten Frauenkörper. Henry McClure, den er eher mitschleppen und behüten musste, stand mit seinem grotesken Regenschirm neben ihnen und sah zu wie der Pathologe das Opfer umdrehte. Ohne ein Wort wandte er sich von dem Leichnam ab und rannte einige Meter am Flussufer entlang, um sich zu übergeben.

Der Pathologe begutachtete die Leiche mit der Hilfe von einer Taschenlampe intensiver und deutete nach einigen Sekunden auf den Bauch und den Arm des leblosen Körpers. Forrest Waterspoon hatte die Einstiche in den Ellenbogen und die Nähte inmitten ihres Oberkörpers ebenfalls registriert. Die Frau sah aus als ob sie bereits obduziert worden wäre. Die Augen von Detektiv Forrest Waterspoon wanderten zu den Streifenpolizisten, die verdrossen und gelangweilt dafür sorgten das niemand in die Nähe der Leiche kam und als Dank dafür vom Regen durchnässt und dem Wind gepiesackt wurden. Der beißende Wind ließ die Männer vor Kälte erzittern und schubste ihre Körper hin und her als ob er sagen wollte das man hier überflüssig war und sofort zu verschwinden hatte. Die Regenmäntel versuchten sie zwar zu schützen, aber sie konnten nicht verhindern das sich das Regenwasser über die breiten Ärmelenden und den zu weiten Krägen seinen Weg bis an die Haut bahnte. Forrest wusste das die Arbeit der Polizisten undankbar war und verstand ihre Gemütslage, denn zu ihrem Verdruss war weit und breit keine einzige Menschenseele zu sehen. Er wandte sich wieder Neil Sesse zu, der sich ebenfalls aufgerichtet und die Tote mit einem Tuch abgedeckt hatte. Forrest schätzte den Pathologen und dessen Arbeit, wusste das er auf seinem Gebiet eine Kapazität war. „Und?“, wollte der Detektiv eine erste Analyse von ihm haben.

Neil Sesse zuckte mit den Schultern. „Auf den ersten Blick würde ich sagen das die Frau ungefähr sechs bis acht Stunden tot ist. Mehr kann ich dir erst nach der Obduktion sagen!“

Der Detektiv sah auf die Leuchtziffern seiner Armbanduhr. Seine schlechte Laune vergrößerte sich. „Also trat der Tod auf jeden Fall gegen Mitternacht ein“, rechnete er die Uhrzeit zurück und erhielt eine zustimmende Geste des Pathologen. „Unabhängig der Nähte und der Nadeleinstiche“, deutete er auf die abgedeckte Frauenleiche, „wie ist sie gestorben?“ Forrest drehte sich zu dem Pathologen. „Ich habe keine Verletzungen gesehen, die auf einen Mord hindeuten.“

„Ich habe keine Ahnung“, gab Neil Sesse zu und knipste die kleine Taschenlampe in seiner Hand aus. Die Aktion unterstrich seine Worte eindrucksvoll.

„Wann kann ich mit Ergebnissen rechnen?“ fragte der Detektiv und legte einen erwartungsvollen Blick auf den Pathologen.

Der Pathologe antwortete vorsichtig abwägend: „Bei dem Zustand des Opfers frühestens heute Abend, spätestens morgen früh!“, gefiel ihm die eigene Wortspielerei.

Forrest bedankte sich für die Information und wandte sich von Neil und der Toten, die zum Abtransport vorbereitet wurde, ab. Er schritt seinem Partner entgegen, der etwas unsicher auf ihn zukam. Sein unerfahrener Kollege sah elendig aus, daran konnte auch das schicke Outfit, das er trug, nichts ändern. Die Jugend von heute bereitete dem Detektiv, selbst ein dreifacher Vater, immer wieder ungeahnte und große Kopfzerbrechen. Sie stellte ihn manchmal vor große Rätsel, überraschte ihn, zu seinem Bedauern selten positiv. Als er und Henry McClure sich gegenüberstanden drehte er sich noch einmal um. Er konnte die Leichen, die er bis jetzt in seiner Karriere gesehen hatte, nicht mehr zählen, an die meisten sich zum Glück gar nicht mehr erinnern. Der Anblick der Toten war unangenehm und doch irgendwie mitleiderregend. Ihre Nacktheit drückte eine gewisse Unschuld und Wehrlosigkeit aus. Als sie am Flussufer angekommen waren riss das tosende Wasser des Mystic River ständig an ihren Beinen, die in das Wasser ragten, es schien als ob die Strömung des Flusses die leblose Frau aufwecken wollte, sie anschrie aufzustehen und zu leben.

Das Wetter wurde mit jeder Sekunde unangenehmer, die Kälte, die der Wind scheinbar mit voller Absicht aus Norden herbei wehte, ließ die ohnehin für diese Jahreszeit niedrige Temperatur deutlich kühler erscheinen als sie tatsächlich war. Die Regentropfen fielen durch die gelegentlich auftretenden Windböen seitlich zur Erde und bekamen dadurch eine Wirkung wie sie kleine, feine Nadelstiche hervorrufen. Die Tote am Ufer des Mystic River machte den kalten, nassen und trüben Tag noch schlechter als er es wettermäßig ohnehin schon war. Die Silhouetten der Stadt, die Flussaufwärts lag, waren eingehüllt in Wolken und Dunst. Der Herbst und das Leben, vor allem jedoch in diesem Moment der Tod, zeigten sich an diesem frühen und durch die Frauenleiche geradezu frostig empfundenen Oktobermorgen von ihrer unangenehmsten und schrecklichsten Seite. Vielleicht war das der Grund das selbst die Presse sich bis jetzt nicht sehen gelassen hatte. In diese verwahrloste und heruntergekommene Gegend verlief sich ohnehin kaum einmal eine Menschenseele.

Das alte Hafenviertel von Boston war ein trostloser, verlassener und äußerst dreckiger Fleck Erde und wurde durch die Ruinen der Lagerhäuser und Hallen sowie der hier stillgelegten Reedereien und Werften geprägt. Die Betriebe waren näher an die Stadt gezogen, um die Vorteile der sich ständig erweiternden und besseren Infrastruktur nutzen zu können. Der Hafen hatte sich vollkommen verändert, er war in seinen Ausmaßen deutlich gewachsen, er war viel moderner und in allen Bereichen der Zeit und den Bedürfnissen der Schifffahrt angepasst worden. Jetzt boomte der Hafen regelrecht und gehörte zu den größten an der amerikanischen Ostküste. Die alte Hafengegend hatte sich durch die Umbaumaßnahmen in Laufe der Jahre immer weiter von der Stadt entfernt. Schließlich, trotz einigen historischen Plätzen aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, geriet das Gebiet in eine Art Isolation und in Vergessenheit. Die Geschäfte im neuen Hafen waren sehr viel wichtiger als die Vergangenheit. Der alte Hafen bot einen traurigen Anblick, er lag verwahrlost da, glich praktisch einer Geisterstadt die etwas unheimliches, beinahe etwas Gespenstisches an sich hatte. Es stand außer Frage, wenn hier außer den Ratten sonst jemand unterwegs war, dann handelte es sich um Menschen die wie die Hafengegend ins Abseits geraten waren und bei ihnen handelte es sich um Drogensüchtige, Obdachlose, Dealer, Ganoven aller Art und Alkoholiker.

Forrest beobachtete wie die Gerichtsmediziner die zum Abtransport vorbereitete Tote emporhoben und davontrugen. Schließlich sah er auf die Stelle wo sie gelegen hatte. Mit ausgestreckten Armen war sie neben einer Betonplatte, möglicherweise einem Bruchstück einer Anlegestelle, von jemanden, wahrscheinlich ihrem Mörder, abgelegt worden. Ihr Körper wurde von der Strömung gegen die Betonplatte gedrückt und ihre Beine trieben in dem an ihr beharrlich reißendem Wasser.

Die Männer von der Spurensicherung waren aufgrund des Wetters praktisch arbeitslos, der Regen hatte alle Spuren, falls es überhaupt welche gegeben hatte, im Nu weggewaschen. Forrest bemerkte das er fror und zitterte. Er war sich nicht sicher was ihm mehr zusetzte, die Kälte oder die Leiche. Womöglich bebte sein massiver Körper aus beiden Gründen. Er griff in die Innentasche seines Mantels und holte sich eine Zigarre hervor. Das Rauchen von Zigaretten hatte er aufgegeben, stattdessen gönnte er sich gelegentlich, auch während dem Dienst, eine dicke Zigarre. Schon nach dem ersten Zug wurde ihm wärmer und nachdem zweiten fühlte er sich bereits etwas wohler in seiner Haut. Er fühlte sich nicht gut, nur eben besser als zuvor. Er blickte zu Henry. Sein Kollege sah zwar wesentlich gefasster aus als vor wenigen Minuten, dennoch stellte sich der Detektiv die Frage was der junge Mann eigentlich bei der Polizei wollte?

Henry hatte mit vielen Anforderungen in diesem Beruf Probleme und stellte sich oft ziemlich ungeschickt an. Diese Schwächen, die in gewissen Situationen ihm und ihnen sehr gefährlich werden konnten, waren offensichtlich. Er schaltete oft sehr naiv, sah das Böse auf der Welt mit kindlichen Augen da er scheinbar immer noch an das Gute im Menschen glaubte und benützte dementsprechend seinen Verstand. Auf eine gewisse Art und Weise war Henry McClure für den Polizeidienst seelisch zu zart besaitet. Henry war mittelgroß, in der Statur schlank und im Gesicht geradezu knabenhaft. Er hatte neugierige, ständig suchende braune Augen, die allerdings erst etwas erkannten und sahen, wenn sie von einer Harry Potter Brille bedeckt wurden. Dem Detektiv war es schleierhaft wie es Henry mit diesen körperlichen und moralischen Voraussetzungen geschafft hatte in den Polizeidienst aufgenommen zu werden. Er vermutete das Henry über sehr gute Verbindungen und Fürsprecher verfügte und sah sich durch den Umstand bestätigt, dass Henry nicht nur besonders gut, sondern stets wahrhaft exzellent angezogen zum Dienst erschien. Er selbst konnte die Anzüge wie Henry sie trug sich mit seinem Gehalt nicht leisten.

Forrest hatte schroffe, kantige, wie Leder gegerbte Gesichtszüge, sein Haar war mit seinen vierundfünfzig Jahren zu Recht angegraut und deswegen sah er deutlich älter aus als er in Wirklichkeit war. Sein Hut, den er seit vielen Jahren trug, tat sein Übriges dazu. Es gab Kollegen, die der Meinung waren, dass er mit der Kopfbedeckung nicht nur schlief, sondern mit dem Hut, der eine Art Markenzeichen von ihm war, zum Duschen und in die Badewanne ging. Solche Aussagen fielen jedoch nicht in der Gegenwart des Detektivs, denn Forrest war zwar bei seinen Kollegen beliebt, jedoch nicht als ein Spaßvogel und Kommunikationsgenie bekannt. Er galt innerhalb der Behörde als ein kooperativer Einzelgänger, der gern in Ruhe gelassen werden wollte. Für seinen Partner Henry waren das keine idealen Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit. Der Detektiv war seit dreiunddreißig Jahren glücklich verheiratet und Vater von zwei leiblichen Kindern sowie einer Adoptivtochter. Forrest war ein erfahrener Polizist, seit sechsunddreißig Jahren befand er sich im Dienst, achtzehn Jahre im Rang eines Detektivs. Zwei Mal hatte er eine Beförderung zu einem höheren Dienstgrad abgelehnt, denn er wollte nichts anderes als ein Detektiv sein und auf keinen Fall wegen einer höheren Position zu einem trägen Schreibtischhengst verkommen. Sein Arbeitsgebiet war die Straße, egal wie dreckig sie auch sein mochte. In seinen ersten Dienstjahren war er zwischen den Vorstädten von Boston und den Abteilungen hin und her geschoben worden, hatte erste Erfahrungen bei der Sitte und der Drogenfahndung gemacht, dort ebenso das Leid, den Schmerz und Tod gesehen. Inzwischen war er fünfzehn Jahre für das Bostoner Morddezernat tätig. Das größte Wissen das Forrest sich seiner Meinung nach in den vielen Jahren angeeignet hatte war die Erkenntnis das es absolut gleichgültig war in welcher Abteilung er seinen Dienst versah, dass Elend und Leid, der Schmerz und der Tod blieben immer gleich, stets gleich schwer, stets gleich grausam.

Der Detektiv, dessen Augen stets in eine nicht vorhandene Leere zu blicken schienen, wandte sich wieder dem Fundort der Leiche zu. Wie war das Opfer hierhergekommen? Wer war die Frau? Er machte eine Geste mit seinem Kopf und deutete Henry McClure damit an ihm zu folgen. An diesem Ort gab es nichts mehr zu tun, außer sich zu freuen ihn verlassen zu können. Was jetzt zu tun war lag auf der Hand. Als erstes musste die Identität der Toten ermittelt, danach ihr Leben und Umfeld durchleuchtet werden. Eines stand bereits fest, schlechter konnte ein Montagmorgen nicht beginnen. Er wies Henry an ins Departement zu fahren, stieg betrübt in seinen Wagen, öffnete das Fahrerfenster einen Spalt und sog an seiner Zigarre. Bevor er den Motor startete und sich auf den Weg in sein Büro machte versuchte er vergeblich für einige Minuten an gar nichts zu denken.

Seine dunkle Hautfarbe war mit ein Grund für eine alles andere als unbeschwerte Kindheit und Jugend gewesen, ebenso der Stadtteil, in dem er aufgewachsen war und der damals diesem Fleck Erde den sie gerade verließen durchaus glich. Vor all dem Bösen, dem Leid, dem Schmerz und dem Tod, versuchten er und seine Frau Betty ihre leiblichen zwei Kinder, beides Töchter und ihre Adoptivtochter, zu beschützen. Er und Betty wussten das dieses Unterfangen ein Ding der Unmöglichkeit war, sie konnten nur ihr Bestes tun, aber nichts verhindern. Das Leid, der Schmerz und der Tod waren stets präsent, egal in welcher Form. Ebenso nach wie vor der Rassenhass und die Intoleranz gegenüber anderen, vor allem anders aussehenden sowie hinterfragenden Menschen, außer man war in manchen Fällen weißer Hautfarbe.

Forrest dachte während der Fahrt zum Revier über das Opfer nach. Wie alt mochte sie gewesen sein? Wer war sie und woher kam sie? Vermisste sie jemand? Er schätzte sie auf keine dreißig Jahre, eher Mitte Zwanzig und schon tot! Für ihn gab es keinen Zweifel, obwohl er sich es anders wünschte, die junge Frau war definitiv das Opfer einer Gewalttat. Der anonyme Anruf in der Zentrale war für ihn der Beweis dafür, doch mit welcher Art von Kapitalverbrechen er es zu tun hatte konnte er überhaupt noch nicht einordnen. War es Vorsatz, Fahrlässigkeit oder Amok? Wer war der Anrufer und welchen Bezug hatte er zu der Frau gehabt, war er am Ende sogar der Schuldige für ihr Ableben? Fragen über Fragen und die, sowie sein Bauchgefühl und seine langjährige Berufserfahrung verhießen ihm nichts Gutes.

Er sollte sich nicht täuschen! 




Ende der Leseprobe




zurück

Autor John Phillip Starck
Geschichte schreibt Geschichten
Karte
Email
Info